Hans Otto Tittes: Der Nachruf

Auch wenn das Thema todernst ist, hat das Ganze doch einen wunderbar humorvollen Beigeschmack: In seinem Gedicht „Der Nachruf“ erzählt Hans Otto Tittes mit feinem Wortwitz von einem Nachruf, der auf höchst unerwartete Weise doch noch zu seinem Einsatz kommt.

Der Nachruf
von Hans Otto Tittes

Ein Mann hat einen Freund, der war
sehr krank vor einem halben Jahr.
Die Ärzteschaft selbst meinte leise:
„Es ist der Start zur letzten Reise.“

Der Mann, betrübt und totenbleich,
schrieb einen schönen Nachruf gleich.
Doch Wunder gibt’s: der Freund genas,
es war nichts mit dem Biss ins Gras!

Der Mann, erfreut darüber, gab
dem Freund den Nachruf statt am Grab
nach Wochen und zwar im Kuvert.
Und dieser nun, begeistert sehr
vom Schrieb, und sowieso beglückt,
denkt: So was legt man sich zurück.

Das Schicksal hat es so gewollt,
dass nach ’ner Zeit der Erste sollt‘
ganz plötzlich aus dem Leben scheiden
nach kurzem, äußerst schwerem Leiden.

Der Freund nun, dem er zugedacht,
nahm gleich den Schrieb mit viel Bedacht
und tauschte aus den Namen bloß.
Jetzt legte er am Grabe los
mit seinem Nachruf, der geliehn,
weil einst geschrieben war für ihn.

Der Nachruf herzzerreißend war.
Doch allen aus der Trauerschar
ist ein Geheimnis es geblieben,
dass ihn der Tote selbst geschrieben!

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